Inkognito
Ich reise gern inkognito. Das heißt, ich gebe im Hotel meine zwei Buchstaben nicht an (glaube auch, dass das das Zimmer teurer macht) und erwähne nicht, was ich beruflich mache. Für gewöhnlich. Nun bin ich heute in diesem schicken Hotel eingetroffen. Familiär geführt, nicht groß. An der Rezeption ist man sehr freundlich, bringt mich aufs Zimmer. Hier werde ich gefragt, ob man Aktivitäten für die nächsten Tage für mich buchen soll (nebenbei: dies ist ein kleiner Ort, der vom Tourismus lebt). Ich sagte, nein, dake, ich besuche ein Seminar. “Ahhh, das Ärzte-Seminar im Hotel xy!” Wie gesagt, es ist SEHR kleiner Ort. “Äh, ja.” sage ich.
Nachdem ich meine Sachen ausgepackt hatte, musste ich natürlich schnell noch den Sauanbereich in Augenschein nehmen, also Badelatschen angeschnallt und in den Keller gegangen. Was soll ich sagen, ein Traum! Ein Hallenbad (ich mag allerdings kein kaltes Wasser, der Spaß fängt bei mir nicht unter 37°C an), diverse Saunen und ein Whirlpool. Das allerschönste: ich war ganz allein. Meiner Erkältung zuliebe verzichtete ich auf die finnische Sauna, machte nur etwas Dampfbad und zog dann weiter in die Biosauna, die hat ja nur 60°C. Hier hatte ich es mir gerade bequem gemacht, da ging die Tür auf, und herein spazierte Ede, das Familienoberhaupt, dem der Laden gehört. “Ah, die Ärztin!” freute sich Ede und ließ sich auf die Holzplanken fallen. “Sie gehen also auf den Kurs da im Hotel xy!” Meine Tarnung war aufgeflogen. Ede erzählte mir dann von seinen diversen medizinischen Leiden, wie es halt so ist, wenn man sich zuu erkennen gibt. Erschwerend kam der Umstand hinzu, dass sich meine Erkältung doch jetzt bemerkbar machte. Kann ich sonst als passionierter Eiszapfen auch 100°C ohne mit der Wimper zu zucken ertragen, so fühlte ich mich hier nach 10 Minuten auch bei 60°C doch schon sehr angestrengt. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, doch Edes Krankheitsgeschicht war erst bei 1972 angelangt. Demonstrativ hustete ich ein paar Mal – Ede kannte kein Erbrarmen. Minutiös schilderte er mir die Appendektomie 1984 mit Zeigen der dazugehörigen Narbe. Langsam nahm mein Kopf eine puterrote Farbe an. Als wir bei der Wirbelsäulen-OP und nunmehr 20 Minuten Biosauna-Dauer angekommen waren, musste ich einschreiten: “”Ede, das ist alles wahnsinnig interessant, aber mein Immunsystem verträgt jetzt keine weitere Minute mehr in dieser Sauna!” “Na, dann gehen Sie mal, nicht, dass Sie mir noch krank werden! So als Ärztin, meine ich, das wäre ja nicht gut!”
Mit letzter Kraft schleppte ich mich also aus der Sauna und unter die Dusche, wo ich meine Körperkerntemperatur nur mit Mühe wieder auf verträgliche Temperaturen senken konnte.
Das nächste Mal sage ich, ich besuche einer Fachtagung nordirischer Etymologen.



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