So, langsam habe ich mein Schlafdefizit vom Notarztdienst wieder ausgeglichen. Ich sag nur: eine Nacht lang durchgerödelt.
Natürlich gab es auch eine Geschichte, die ich einfach mit auch teilen muss. Zum Mitschämen.
Es ist sechs Uhr, Anna hatte gerade zwei Stunden geschlafen, als der Alarm ging. Es war der Einsatz, auf den ich die ganze Nacht nur gewartet hatte. Wir mussten zum “Fabrikgelände”. Ein riesiges Party-Areal, dessen Sinn sich mir bislang noch nie erschlossen hatte. Dort fanden wir, sagen wir mal, die übliche Szene vor. Er, ca. 25, hat sturzbetrunken randaliert, auf die Security-Leute eingeschlagen und das Rettungspersonal vor Ort beleidigt, Ich fand ihn vollgekotzt im Sanitätscontainer. Sein T-Shirt hatte er zerrissen und wollte damit aus dem Fenster türmen (Erdgeschoss?). Man wartete gerade auf die Polizei. Und dabei dachte man, Anna könnte sich ja auch noch an dieser Spaßaktion beteiligen. Als ich die Szene betrat, pöbelte er gerade alles an, was in seine Nähe kam, verlangte nach Polizei, Feuerwehr, seinem Anwalt und einem Arzt, aber nur jemand aus dem Klinikum xy. Nun, aus drei Meter Sicherheitsabstand konnte ich feststellen: der Patient ist wach, atmet und ist nicht vital gefährdet. Außer ein paar Schürfwunden konnte ich keine Verletzungen sehen, außerdem bewegte er alles. Ich entschloss mich, bis zum Eintreffen der Polizei keine nähere Bekanntschaft mit diesem Wahnsinnigen zu machen. Seine Freundin, die von der Security nicht zu ihm gelassen wurde, befragte ich kurz zu den eingenommenen Spaßmitteln (nur Allohol) und entschied dann, dass sie ihr Glück mit ihm versuchen sollte. Von ihr ließ er sich auch weitestgehend beruhigen, so dass ich mich dann doch an ihn heranwagte. Laut Forderungen stellend ließ er sich zum RTW bringen. Er wollte in das Klinikum xy gebracht werden, weil er dort, haltet Euch fest, als Pfleger arbeite. Eigentlich dachte ich, dass ich hier gar nichts verloren hatte, der Patient brauchte keinen Arzt und erst recht keine Notaufnahme. Allerdings war ich ja irgendwie seinem Wohl verpflichtet, und in dieser Situation konnte ich ihn auch nicht belassen. Außerdem müsste ich ihn zumindest einmal untersuchen. Im RTW pöbelte er weiter. Mittlerweile war die Polizei da, die eine Anzeige gegen ihn aufnahm. Daraufhin ist er natürlich erst recht explodiert, pöbelte weiter herum, stieß Flüche und Verwünschungen aus. Ich fühlte mich zusehend unwohl. Nachdem die Polizei sich mit ihm auseinandergesetzt hatte, fragten wir bei der Leitstelle an, wo wir ihn den hinbringen könnten. Man bot uns Klinikum yz an. Daraufhin flippte er wieder aus, er wolle ins Klinikum xy, schließlich arbeite er da.
Jetzt mal kurzes Time-out: Stellt Euch vor, Ihr würdet sturzbesoffen irgendwo randalieren (so mit 1,6 Promille). Ihr habt dann noch eine kleine Prügelei mit der Security. Ihr habt Euch vollgekotzt, Euer Gesicht sieht aus, als hättet Ihr eine innige Beziehung zum Asphalt unterhalten. Und jetzt mal ganz ehrlich, was wäre der letzte Ort, den Ihr in diesem Zustand aufsuchen wolltet? Richtig, Eure Arbeitsstelle.
Nun, nachdem unser Kunde androhte, uns das Auto zu zerschlagen, wenn wir ihn nicht sofort ins Klinikum xy fahren, gaben wir diesem Wunsch nach. Er ließ sich dann auch weitestgehend beruhigen, am Ende schließlich sogar untersuchen (mein erster Eindruck war richtig, ihm fehlte nichts). Im Klinikum xy angekommen übergab ich ihn der zuständigen Schwester. Als ich mich nach ihm umdrehte, war er plötzlich verschwunden. Wohin er sei, fragte ich seine Freundin. Auf seine Station, sagte die mir, um sich dort ein Oberteil geben zu lassen (sein eigenes hatte er ja unbrauchbar gemacht). Er torkelte also (wohl bemerkt zum Schichtwechsel) auf seine Station. Er war dabei halbnakt und sah aus, als hätte er nicht nur die Nacht durchgefeiert, sondern sich auch noch gut geprügelt.
Ich hoffe, als er ein paar Stunden wieder zu sich kam, hat er sich schmerzhaft an diese Episode erinnert und sich dann gefragt, was zum Teufel er da gemacht hat. Ich muss mich jedenfalls fremdschämen, wenn ich nur daran denke.
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