Mai 16

OP-Gespräche

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Der 94jährige Patient war noch unglaublich fit. Jeden Tag trieb er eine Stunde Sport, auch geistig war er noch voll auf der Höhe. Als Linguist hatte er meine volle Aufmerksamkeit und mein volles Interesse. Seine Leistenhernie wollte er sich in Spinalanästhesie operieren lassen.”Wegen meines Herzens, wissen Sie…”, erklärte er mir mit selbstverständlich korrekter Benutzung des Genitivs. Gesagt, getan, wir fuhren mit gut sitzender Spinale in den OP. Ich gab dem Patienten etwas zum Dösen, er wollte aber eigentlich nicht wirklich schlafen. Die Operation schritt zügig voran. Ab und zu sprach ich mit dem Herren, allerdings nicht zu viel, um die Operateure nicht abzulenken. Das war aber eigentlich nicht nötig, denn der Operateur erzählte dem Studenten munter, was er da tat. Schnell kam man auf andere Themen, und ich weiß nicht genau, wie es dazu kam, aber bei der Hautnaht dozierte der Operateur über das bestimmte Vorgehen bei einer großen Magenoperation und über das Herausnehmen der Milz.
“Die Operation ist gleich fertig!”, sagte ich sehr laut und nachdrücklich.
“Oh, das dachte ich mir. Das konnte ich vom Inhalt der Gespräche ablesen.” Ein süffisantes Lächeln umspielte die Lippen des Patienten.
“Und keine Sorge,” sagte ich noch lauter. “Ihre Milz ist auch noch drinnen!”
Das endlich hörte der Chirurg. Erschrocken blickte der noch recht junge Facharzt über den Vorhang. “Ach… das ist ja eine Spinale!”, entfuhr es ihm erschrocken. “Man muss da ja wirklich aufpassen, was man so sagt!”

Stimmt. Muss man. Sollte man eigentlich auch, wenn der Patient schon schläft, es ist schließlich schon oft genug bewiesen worden, dass trotz Narkose Inhalte ins Gehirn gelangen können und dort abgespeichert werden. Bei einem wachen Patienten ist das natürlich unter Umständen noch dramatischer. In Zukunft werde ich den Patienten Kopfhörer aufsetzen. Oder ich werde mir vielleicht ein kleines Schild basteln: “Vorsicht, Regionalverfahren! Patient KANN EUCH HÖREN!”

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Mai 3

Aufgaben

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“Was ist das?”, fragte Schwester Margit entsetzt, als ich mit mehreren Ordnern und Schütten bewaffnet des Aufwachraum betrat, um dort meinen Dienst zu tun.
“Neue Studie… vorbereiten…”, nuschelte ich vor mich hin, während ich umständlich einen Etikettendrucker aus meiner Tasche zog.
“Aha.” Margit wandte sich wieder ihrem Patienten zu, während ich laut lärmend in einem Schrank nach einem Etikett für die Ordner suchte. Demonstrativ leidend machte ich mich daran, einige Etiketten zu drucken und sie auf Ordner und Schütten zu verteilen. Es dauerte nicht lange, da klingelte das Telefon. Margit beantwortete das Klingeln.
“Klapptische?” , hörte ich sie entgeistert fragen. “Ja, ich sag’s ihr.” Sie legte den Hörer auf und drehte sich zu mir um.
“Du sollst doch bitte mal in den Hörsaal gehen und Klapptische aufstellen. Und bitte auch Tischdecken drauflegen. Und bitte ordentlich, soll ich dir sagen. Das war der Gashahn.”
Murrend erhob ich mich von meinem Tisch und dem nicht kleiner werdenden Berg an Ordnern.
“Wieso bist du gerade zum Hausmeister mutiert?”, rief mir Margit noch nach.
“Der Workshop heute Nachmittag… da muss noch was vorbereitet werden…”, grummelte ich zurück.
Nach einer halben Stunde war ich wieder zurück – mit einem Ultraschallgerät.
“Was tust du da?”, fragte Margit entgeistert, als sie sah, dass ich einen USB-Stick in das Gerät steckte, laut fluchte, den Stick wieder rauszog, ein paar Tasten drückte und diesen Vorgang noch etwa fünf weitere Mal wiederholte.
“Neues Gerät… Studie…muss da mal was mit der Datenübertragung probieren.”

Und dann kam der Satz, auf den ich schon den ganzen Tag gewartet hatte: “Und für all das hast du extra studiert?”
Haha.

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Apr 30

Murphy und der ZVK

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Der Gashahn stand dozierend neben mir: “Und denken Sie daran, die Patientin hat eine nicht weiter diagnostizierte Blutungsneigung!”
“Jaja.”, nuschelte ich.
“Ist ja doch ein größerer Eingriff… machen Sie ZVK und Arterie!”
“Ja-ha!”
Ich machte mich daran, den Hals der schon schlafenden Patientin zu desinfizieren, deckte sie mit sterilen Tüchern ab und bereitete das Set für den zentralen Venenkatheter vor. Ein zentraler Venenkatheter wird oftmals in die Vena jugularis intern gelegt. Die befindet sich von der Arterie betrachtet außen. Es verlaufen also nebeneinander eine Arterie und eine Vene am Hals. Die Zielstruktur ist die Vene. Man möchte also WIRKLICH nicht mit der großen Nadel in die Arterie stechen. Das kommt natürlich vor, aber eigentlich nur selten. Die Gefahren sind eine unkontrollierte Blutung in die Halsweichteile mit konsekutiver Einengung der Luftröhre und natürlich theoretisch durch die Verletzung des Gefäßes ein Schlaganfall. Normalerweise passiert allerdings nichts und es gibt wohl kaum einen Anästhesisten, der noch nie versehentlich in die Arteria Carotis gestochen hat. Daher hat auch jeder seine eigenen Vorgehensweisen, wie er das Problem zu verhindern gedenkt. Eine von mir auch oft angewandte Technik ist die, dass die Arterie mit einer Hand getastet wird und dann daneben eingestochen. Meist muss man leicht auf die Arterie zustechen, um in der Vene zu landen.
Bei dieser Patientin, und da musste ich dem Gashahn natürlich insgeheim Recht geben, sollte man aber wirklich Vorsicht walten lassen. Schließlich war bereits bekannt, dass die Patientin ein Gerinnungsproblem hatte.
Gesagt – getan, ich nehme die große Nadel, setzte an, ziele, schiebe und – lande mitten in der Arterie.

Murphy’s Law lässt grüßen.

Der Patientin ist übrigens- glücklicherweise- nichts passiert!

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Apr 20

Chest Pain Unit oder so

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Frau Mayer war in der Wohnung synkopiert und gab irgendwie “Brustschmerzen” an. Außerdem war sie bradykard und hypoton. Das EKG brüllte “Ich bin ein Hinterwandinfarkt!”. Im Wagen schnell noch ein paar Nadeln gelegt und die üblichen Medikamente gegeben, zusammen mit der Anweisung: “Mach mal Chest Pain klar.” Denn ein Patient mit vermutetem oder gesichertem Herzinfarkt gehört nun mal auf eine sogenannte Chest Pain Unit, eine spezielle Aufnahmestation für alle Patienten, die möglicherweise einen Herzinfarkt haben und daher schnell diagnostiziert und behandelt werden müssen. Mit Blau rasten wir durch die Stadt und rannten im Schweinsgalopp mit der Patientin auf die von uns avisierte und angemeldete Chest Pain Unit. Und dort – passierte erstmal nichts. Man hatte seeeehr viel Zeit. In aller Ruhe wurde die Patientin umgelagert. Der Kollege, dem ich die Patientin übergeben wollte, bedeutete mir, erstmal zu schweigen, als ich ihm von Frau Mayer erzählen wollte. In aller Seelenruhe schrieb er erst mal seinen Bericht fertig. Ich trat dabei nervös von einem Bein aufs andere. Schließlich erbarmte man sich meiner.
“Was haben wir denn da?”, fragte er gelangweilt.
“”Hinterwandinfarkt.”, entgegnete ich gereizt und warf ihm das EKG auf den Schreibtisch. Er blickte kurz drauf und sprang dann auf.
“Was? Die Patientin hat tatsächlich was? Wieso habt Ihr das nicht gleich bei der Leitstelle gesagt?”

Äh, hallo? Ist das nötig? Für einen verstauchten Knöchel fahre ich schließlich nicht auf die “CHEST PAIN UNIT”! Manchmal versteh ich’s einfach nicht…

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Apr 8

Helmut und viele Fragen

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Er und ich liefen die Straße hinunter – Sonntagsbrunch in einem nahegelegenen Lokal. In der Ferne sah ich einen RTW die Straße hinunterwagen und irgendwo vor einem Häuserblock halten. Eine Frau kam über die Straße und wedelte vor unserer Nase herum.
“Hallo, könnt Ihr mal helfen?” Die zeigt etwa fünfzig Meter weiter die Straße hinunter. “Der Mann da, der bei dem Auto, der braucht Hilfe. Irgendwie kann der nicht gehen. Aber ich hab kein Handy dabei. Könnt Ihr helfen?” sprachs und verschwand. Ich grummelte leise vor mich hin. Er auch. Wir hatten eigentlich nicht viel Zeit, und jetzt das. Der Mann war wohl Mitte sechzig und sah ziemlich fertig aus. Ich tippte auf ein Alkoholproblem -nebst diversen anderen Erkrankungen.
Er erbarmte sich schließlich.
“Sie brauchen Hilfe?”
“Ja… ich kann nicht mehr laufen. Ich muss da die Straße runter.” Der Mann zeigte die Straße entlang.
“Und wieso können Sie nicht laufen?”
“Mir geht es nicht gut.”
Ich schaltete mich in die Konversation ein.
“Aber was fehlt Ihnen denn?
Die Konversation und das Drumherum mit Herbert erstreckte sich über etwa zwanzig Minuten. Um es kurz zu machen: Herbert wollte in eine etwa 400 Meter entfernte Kneipe, um dort zu essen. Allerdings konnte er kaum drei Schritte gehen, bis er nach Luft schnappte. Im Krankenhaus sei er schon oft gewesen, das hätte nichts gebracht. In der Kneipe sitzt der Günni, vielleicht kann der ihn nachher zurückbringen. Morgen gehe er auch zum Arzt. Alles in allem war er sehr freundlich und offensichtlich sehr krank, aber in seinem Zustand würde er es kaum bis zur Kneipe schaffen- und war das wirklich eine gute Idee, den offensichtlich schwerkranken Mann jetzt in die Kneipe zu lassen? Selbst wenn er WIRKLICH nur was Essen wollte? Der RTW war etwa auf unserer Höhe, die Besatzung noch nicht zurück. Ich rechnete gute Chancen aus, dass die Besatzung nur zu einem Hausbesuch ausgerückt waren. Nur war Herbert nicht wirklich gewillt, sich mal mit den Herrschaften zu unterhalten, auch wenn er es mittlerweile bis zum RTW geschafft hatte und sich auf der Stufe desselben niedergelassen hatte. Schließlich ging er weiter, drei Schritte, wieder anhalten. Es war ein Trauerspiel. Die Kneipe noch immer etwa dreihundert Meter entfernt, wir konnten den Mann ja auch nicht einfach auf der Straße stehen lassen, aber so?
Während wir Helmut schleppten, auf ihn einredeten und wieder stehenblieben, sah ich hinter uns endlich zwei rot-gelbe Jacken auftauchen – ohne Patient. Beherzt drehte ich mich um und rannte ihnen nach.
“Hey, Jungs… wartet mal…” Ich erzählte ihnen die Geschichte von Helmut und hoffte inständig, sie mögen mich nicht auslachen und mit Helmut stehenlassen. Aber die Jungs waren super. Bereitwillig sprangen sie wieder aus dem RTW und nahmen sich Helmut an, der bei so viel Manpower auch gar nicht anders konnte, als einzuwilligen, wieder zurück zum RTW zu kommen. Das Unangenehmste an der Sache war allerdings, dass ich nicht wusste, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte. Mich gleich als Notärztin outen? Macht es das besser? Oder schlimmer? Oder muss ich dann im Extremfall sogar noch begleiten? Also lieber nichts sagen? Ist das nicht auch falsch? Irgendwie wurde ich dann doch geoutet, ich hatte mich quasi selbst verraten, als ich zu sehr in die medizinische Terminologie eingestiegen war. Irgendwie dachte ich dann, ist vielleicht auch richtig so, warum soll ich denn meiner Forderung, der Mann möge doch besser in einen RTW steigen als in die Kneipe gehen, nicht so ein wenig Nachdruck verleihen? Außerdem hatte ich ja keine Therapietipps gegeben oder mich sonst irgendwie in die Behandlung eingemischt. Aber als arrogante Notarzt-Schnepfe, die sogar am Sonntag auf der Straße noch Patienten rekrutieren muss,wollte ich auch nicht darstellen. Nur Helmut in die Kneipe bringen? Das widersprach ja irgendwie auch meinem Medizinverständnis. Wie man es drehte und wendete, es war nicht leicht.

Und ich wollte ja eigentlich nur zu meinem Sonntags-Brunch.

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Mrz 4

Der Nachbarjunge

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Der Fall war eigentlich recht unspektakulär. Eine Frau höheren Alters mit Schmerzen auf der Brust. Interessant war das Drumherum. Ein etwa 16jähriger junger Mann wies uns ein und zeigte uns eifrig den Eingang zum Haus.
“Ich wohne nebenan.”, erklärte er uns. “Frau Meyer hat mich gerufen, als es ihr nicht gut ging, wissen Sie?” Ich nickte, während ich die Treppen hochstieg. Ein wenig wunderte ich mich ob der Uhrzeit, es war kurz nach Mitternacht, aber gut. Vielleicht lebte Frau Meyer allein und der junge Mann war ihr Enkelersatz. “Ich habe schon mal ihre Medikamente rausgelegt.”, plapperte der Schüler weiter. “Die liegen auf dem Tisch.”
“Sehr gut, danke!”, antwortete ich. Von einem 16jährigen Nachbarjungen hätte ich eine solche Initiative nicht erwartet und war ernsthaft beeindruckt. Wir betraten die Wohnung. Eine Dame Mitte 70 wartete auf der Couch auf uns. Das Team vom RTW war schon da und legten gerade einen Zugang. Ich wechselte ein paar Worte mit der Frau. Sie erzählte kurz, dass sie schon mal einen Herzinfarkt gehabt habe, vor ein paar Monaten hatte man ihr daher Stents implantiert. Mein Blick glitt über die Medikamente auf dem Tisch. Sie waren in Reih und Glied aufgestellt. Ich fand schnell, was ich suchte, ASS und Clopidogrel. Die Dame hatte also einen drug-eluting Stent bekommen, für mindestens sechs Monate wurde sie also doppelt in ihrer Thombozytenfunktion gehemmt mit eben diesen beiden Medikamenten, die dafür sorgen sollten, dass die Stents im Herzen nicht gleich wieder zugingen. Allerdings war dies jetzt möglicherweise doch der Fall, denn Frau Meyer beklagte Schmerzen hinter dem Brustbein. Während ich auf den EKG-Ausdruck wartete, sah ich mir die übrigen Medikamente an. Da trat der Nachbarjunge wieder neben mich.
“Also, das hier sind die Medikamente!” Er zeigte nachdrücklich darauf.
“Ja, danke!”, sagte ich erneute. Ich hatte jetzt auch den Rest der Medikation erfasst. Standardmittel für Herzpatienten: Blutdrucksenker, Betablocker, CSE-Hemmer etc. Der Junge nahm die Packung mit ASS und die mit Clopidogrel in die Hand.
“Also, diese beiden hier sind zur Blutverdünnung.”, erklärte er mir.
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Erklärte mir der junge Mann gerade tatsächlich, wofür diese Medikamente gut waren? Etwas amüsiert grinste ich und wollte gerade etwas Spöttisches sagen. Da besann ich mich eines Besseren. Irgendwie konnte ich diese Situation ja durchschauen. Der junge Mann war am Rettungswesen interessiert und wahrscheinlich in irgendeiner Schüler-Sani-Gruppe. Das erklärte, dass er wusste, dass wir nach Medikamenten fragen würden und vielleicht auch, warum die alte Frau Meyer ihn um diese nachtschlafende Zeit geweckt hatte. Er hatte seine Sache gut gemacht, er wollte jetzt ein wenig Anerkennung. Vielleicht hatte er auch gehofft, dass wir ihm ein wenig was erklären würden, da er ja augenscheinlich etwas Fachkenntnis besaß, und als das ausblieb (was nicht meinem prinzipiellen Unwillen, sondern vielmehr der späten Stunde geschuldet war), hatte er noch einmal nachgesetzt,was jetzt gehörig daneben gegangen war. Das schien ihm wahrscheinlich auch gerade aufzugehen. “Aber das wissen Sie ja sicher.”, schob er schnell nach.
“Ja, das weiß ich.”, sagte ich nur. Dann wandte ich mich wieder der Patientin zu.

Einer der Rettungsassistenten erbarmte sich schließlich seiner. Er durfte einen Koffer tragen. Das machte er dann auch ganz stolz. Und ebenso stolz schob er ganz selbstständig den Koffer in die dafür vorgesehene Stelle im RTW.
“Danke.” Ich nickte ihm freundlich zu. Ist doch schön, wenn man mit einfachen Dingen die Leute glücklich machen kann.  ;-)

 

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Feb 12

Sachen gibt’s…

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Der Patient hatte seinen Prämedikationsbogen bereits ausgefüllt. Ich werfe einen schnellen Blick darüber.
“Also, ich sehe hier, Sie sind vollkommen gesund? Sie haben nur etwas erhöhten Blutdruck?”
“Genau, Frau Doktor, hat der Arzt gesagt.”
Ich gucke ihn genauer an. Aus seinem halb geöffneten Hemd sehe ich den Ansatz einer Narbe ragen. Ich runzle die Stirn und nehme mir seine Akte vor. Nach einer Weile finde ich einen Arztbrief.
“Und dass Sie vor einem Jahr eine Aortendissketion hatten, bei der Sie wiederbelebt werden mussten, weil Sie so viel Blut verloren hatten, und die Sie nur mit viel Glück unbeschadet überlebt haben – das fanden Sie jetzt nicht ganz so wichtig?”
Der Patient überlegt kurz. “Ach ja, stimmt, Frau Doktor, das war vor einem Jahr. Aber jetzt ist alles wieder gut!”
Ich fasse mir ungläubig an die Stirn. Sachen gibt’s…

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Jan 29

#Aufschrei

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Ich kann da, denke ich, auch was zu beitragen. Bei der aktuellen Debatte fällt mir vor allem eins auf -wie blind ich doch lange war. Vielleicht, weil der Sexismus im Alltag so integriert ist, dass man ihn schon gar nicht mehr als solchen wahrnimmt.

- Lateinunterricht, 12. Klasse. Ein Kurs voller Mädchen. Der Lateinlehrer stellt ernsthaft die These auf, dass Frauen möglicherweise nur eine Gehirnhälfte hätten. Zudem war es unter den Schülerinnen stets sehr unbeliebt, mit ihm Gespräche führen zu müssen, weil er einen einfach so ungeniert antatschte. Hat sich eine beschwert? Nein.

- Famulatur, ein paar Jahre später. Eine männliche Pflegekraft kommentiert meinen Versuch, eine Nadel zu legen: “Ey, ich guck dir gerade voll in den Ausschnitt!”, sprachs und lachte laut. Ich war sprachlos. Hab aber auch nichts gesagt.

Und das sind nur zwei Beispiele, die ich hier öffentlich nennen kann. Die Realität sieht noch viel trauriger aus. Ich denke, das Wichtigste ist es, für sich selbst erst mal ein Bewusstsein zu schaffen, was geht und was echt schon über die Grenze ist. Und dann auch mal was zu sagen.

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Jan 3

Gesprächsbedarf (2)

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Im Schockraum herrschte schon ein reges Treiben, allerdings noch ohne Patient.
“Ist in zwei Minuten da! Schädel-Hirn-Trauma unter Marcumar!”, rief mir Lars, der zuständige Arzt der Notaufnahme zu.
“Aber die Neurochirurgen haben doch gerade gar keine OP-Kapazitäten? Wieso kommt der hierher?”, fragte ich irritiert. Lars zuckte mit den Achseln.
“Ich weiß es nicht. Wir sind abgemeldet.”
“Hm.” Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon kam das Rettungsdienst mit dem Patienten.
“62jährige Patientin, Treppensturz, Marcumar bei Vorhofflimmern.”, erklärte der Notarzt monoton, während die Patientin umgelagert wurde.
“Wieso kommt die Patientin zu uns? Wir können sie nicht weiter versorgen!”, fauchte Lars ihn von der Seite an. Dieser sah ihn irritiert an. “Ich habe zwangsbelegt. Krankenhaus x und y sind auch abgemeldet. Irgendwo müssen wir ja hin.” Damit war für ihn das Gespräch beendet.
Die Patientin war nicht intubiert. “Frau Müller?”, fragte ich nach einem Blick auf das Notarztprotokoll und tippte sie leicht an der Schulter an. Sie trug einen Stiffneck zum Schutz der Wirbelsäule und hatte eine grüne Nadel im linken Handrücken. Die Vitalwerte waren stabil.
“Ja?”, antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen.
“Können Sie die Arme anheben?”, fragte ich sie unnötig laut, so als wäre sie taub. Sie reagierte nicht, auch nicht, als ich sie nochmals mit Namen ansprach.
“Intubieren und dann zügig ins CT!”, rief ich in die Runde. So geschah es dann auch. Im CT fand sich erwartungsgemäß eine große Blutung im Gehirn, die durch die Blutverdünnung sicherlich noch weiter zunehmen würde. Das Labor gab auf Nachfrage an, die Blutgerinnung läge bei einer INR von 2,8, also im hochsuffizienten Bereich.
“Und nun?”, fragte ich Lars etwas ratlos, nachdem ich mit dem OP telefoniert und die Auskunft bekommen hatte, dass man Frau Müller erst in einer halben Stunde würde einschleusen können. Lars wirkte auch etwas ratlos.
“Was sollen wir machen? Selbst wenn wir sie jetzt nach x oder y verlegen könnten, würde das mit Sicherheit länger dauern, als wenn wir hier warten, bis der OP frei ist.” Gab er zu bedenken.
“Wohl wahr.” Ich überlegte. “Ich kann sie im Aufwachraum betreuen, bis der OP frei wird. Wir könnten schnell die Blutgerinnung mit PPSB verbessern und dann lege ich ihr einen ZVK und eine Arterie zur arteriellen Blutdruckmessung. Was Besseres fällt mir jetzt auch nicht ein.”
So machten wir es dann auch. Nach einer halben Stunde war der Blutdruck entgleist, das EKG zeigte eine Bradykardie mit Extrasystolen und die Pupillen wurden zunehmend weiter – Zeichen dafür, dass das Gehirn gerade einklemmte. “Na toll.”, sagte ich zur Anästhesieschwester, als die Patientin endlich eingeschleust wurde.  ”Das war jetzt wohl nichts.” Sie schüttelte nur den Kopf. Zehn Minuten später sah ich die Patientin in Richtung neurochirurgische Intensivstation geschoben werden. “Was ist los?”, fragte ich den Dienstarzt.
“Oberarzt Wilmann hat ihr nur einmal in die Pupillen gesehen und gleich wieder ausschleusen lassen. Da ist nichts zu retten. Wir fahren sie jetzt zum Sterben auf die Intensivstation.”
Ich war in erster Linie froh, das jetzt nicht den Angehörigen erklären zu müssen. Ich sah auf meine Uhr… Langsam war es wieder Zeit für ein Gespräch mit Herrn Weilheimer…

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Nov 27

Gesprächsbedarf (1)

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Zu Ehren Medizynicus’ Palliativreihe hier ein paar angelehnte Fallgeschichten…

Herr Weilheimer war einer dieser Patienten, die ich zwar noch nicht kennengelernt, deren bloße Existenz mir aber schon eine ganze Nacht Bachschmerzen bereitet hatte.

“Hier, Herr Weilheimer… Zu dem müsstest du morgen früh mal hin.” Mit diesen Worten drückte mir die Kollegin aus der Schmerzambulanz am Freitagabend die Akte des Patienten in die Hand. Ach ja, richtig. Ich hatte ja das Wochenende gewonnen, würde also auch die Schmerzpatienten visitieren dürfen. “Blöde Geschichte… Klatskin-Tumor. Sie haben ihn heute Mittag operieren wollen, großer Eingriff und so. Naja, aber als der Bauch offen war, hat man schnell gesehen, dass da operativ nichts mehr zu machen ist. Also haben sie ihn wieder zugenäht. Natürlich hat er einen Periduralkatheter bekommen, sollte ja ein größerer Eingriff werden. Den braucht er aber eigentlich jetzt nicht, es ist ja nichts operiert werden. Vielleicht kannst du ihn morgen ziehen?”
Na, bravo. Ich überflog schnell die Krankenakte. Herr Weilheimer war 42 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder, waren die ersten Informationen, die mir ins Auge stachen. Und er hatte einen inoperablen Tumor. Ich schluckte. Das war genau die Sorte Fall, die ich am Wochenende lieber nicht betreute. Ich hoffte, dass die Chirurgen wenigstens schon ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt hatten.

Der Wochenenddienst begann chaotisch. So war es schon 11 Uhr, bis ich endlich dazu kam, die Schmerzpatienten zu visitieren. Herrn Weilheimer sparte ich mir bis zum Schluss auf. Ich wollte nicht gehetzt wirken. Ich klopfte an die Tür und machte mich auf das Schlimmste gefasst – ich wurde nicht enttäuscht. Herr Weilheimer, ein großer und kräftiger Mann mit blonden Locken und einem sympathischen Gesicht, saß auf seinem Bett und weinte. Neben ihm lief die Schmerzpunkte. Er war allein im Zimmer.
“Guten Morgen.”, sagte ich. Dabei war es eigentlich schon Mittag. Herr Weilheimer sah mich mit großen Augen an. Ich stellte mich vor und erklärte ihm, warum ich da war.
“Endlich kommt mal jemand!”, schluchzte er. “Sie können sich das nicht vorstellen. Als ich nach der Operation aufgewacht bin, habe ich gleich im Aufwachraum auf die Uhr geschaut. und da wusste ich schon, dass sie mich nicht operiert hatten, denn es war je gerade mal eine Stunde vergangen! Und trotzdem kam keiner von den Chirurgen, um mit mir zu sprechen! Die haben sich erst am Abend blicken lassen. Und dann… Ich habe doch zwei kleine Kinder! Und das Haus, das haben wir erst letztes Jahr gebaut…” Er weinte wieder. Mir steigen auch fast die Tränen in die Augen. Also hörte ich zu. Viel sagen konnte ich ja eh nicht. Ich hütete mich davor, mich irgendwie zu der Prognose oder dem weiteren Procedere zu äußern – da konnte man nur daneben liegen, auch wenn Herr Weilheimer immer wieder versuchte, mir einen Kommentar zu seiner Situation zu entlocken. Ich versprach lediglich, bei den Chirurgen mal anzufragen, ob nicht noch ein weiteres Gespräch zur Therapieplanung stattfinden könne. Aber ich wusste, dass diese jetzt erstmal im OP feststanden, und ob der Diensthabende sich überhaupt mit dem Fall auskannte, blieb fraglich. Die scheidende Zunft war auch nicht gerade für ihr sensibles Verhalten bei solchen Patienten bekannt. Irgendwie konnte ich das ja auch verstehen. Das Zimmer allein zu betreten, kostete eine große Überwindung. Aber es hilft ja nichts. Und ich musste dem Patienten ja noch nicht mal sagen, wie es um ihn stand. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Der andere Diensthabende war dran.
“Anna, ich brauch dich jetzt.”
“Du, ist grad ungünstig…”, murmelte ich. Schlimm genug, dass ich Herrn Weilheimer unterbrochen hatte, ich wollte jetzt nicht auch noch aufspringen und rausrennen.
“Ungünstig? Ich sag dir, was ungünstig ist: dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und keinen Kaffee getrunken habe, dass ist ungünstig. Dass die Neurochirurgen meinen, an einem Samstag einen Elektiveingriff machen zu müssen, bei dem auch noch alles schief geht, das hat da schon wieder eine andere Dimension. Und dass in der Notaufnahme jetzt ein Patient mit Kopfverletzung aufgeschlagen ist, deren Ausmaß nach allem, was ich so gehört habe, ordentlich unterschätzt wurde, weshalb man sich jetzt zu einem Spontan-Schockraum zusammenfindet, DAS ist eine echte Katastrophe. Und dafür brauche ich dich JETZT. Denn der Patient ist schon DA und SIEHT NICHT GUT AUS!” Damit war das Gespräch beendet. Ich hatte also keine Wahl, als mich bei Herrn Weilheimer zu entschuldigen und schnellstens in die Notaufnahme zu eilen. Dabei hatten wir noch nicht einmal über die Schmerzpumpe gesprochen. Ich versprach zumindest, am Nachmittag noch einmal wiederzukommen, wohlwissend, dass der Begriff Nachmittag hier sehr variabel sein könnte und durchaus auch 22 Uhr noch mit einschloss.

Was ich dann in der Notaufnahme vorfand,  war auch im wahrsten Sinne des Worte eine Katastrophe…

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