Also, das war bislang kein erstrebenswerter Dienst. Es fing noch relativ geruhsam an mit 180 kg, die analgetisch behandelt werdeen wollten. Dann kam nochmal was zur Analgesie, business  as usual also… und zum Nachmittagskaffee nochmal eine hypertensive Krise, die unbedingt nen Doc brauchte.

Darauf folgte am Abend der absolute Alptraum. Meldebild war Verkehrsunfall, Motorrad gegen Autofahrer.  Irgendwie stellte ich mir vor, wir würden da auf zwei aufgebrachte Unfallgegner und ein kaputtes Motorrad treffen. War aber nicht so. Da wir noch in den Untiefen des NEFs nach irgendwas suchten, traf unser RTW etwa zwei Minuten vor uns an der Unfallstraße ein, einer unübersichtlichen Landstraße hinter einer Kurve. Ich war noch nie so schnell aus dem Auto draußen, als ich einen unser Rettungsassistenten schon am Drücken sah. Es bot sich ein wirklich grauenhafter Anblick. Ein junger Mann, der frotal und ungebremst auf einen PKW aufgefahren war. Die Überreste des Motorrads fanden sich in einem Umkreis von 200 Metern. Sogar den Helm hatte es komplett zerborsten. Ich erspare Euch eine Beschreibung des genauen Verletzungsmusters, nur soviel: auf einen Blick war zu erkennen, dass eine Reanimation wohl sinnlos sein würde. Ich bestand aber doch noch auf einen Zugang, denn ich finde, jeder verdient eine Ampulle Supra. Und das meine ich ganz ernst. Intubiert habe ich aber nicht mehr, und in den Gesichtern des Teams konnte ich schon lesen, dass sie auch auf den Zugang verzichtet hätten.

Als wir die Reanimation abgebrochen hatten, suchten ich hektisch in den Überresten der Jacke des jungen Mannes nach Papieren. Irgendwann hatte ich dann seinen Geldbeutel gefunden. Darin lag sein Ausweis. Auf dem Passbild lächelte er. Er war noch viel jünger, als ich auf den ersten Blick gedacht hätte. Da merkte ich auf einmal wie kalt es war und find tatsächlich an zu zittern. Meine weiße Hose war voller Blut und auch meine Jacke sah nicht viel besser aus. Ich bot einen erbärmlichen Anblick, wie ich da zitternd wie Espenlaub und blutverschmiert neben dem armen Kerl stand.

Ich habe die ganze Zeit nur an die Eltern von dem Jungen gedacht. Komisch, oder? Neben unseren Bemühungen stand die Fahrerin des PKWs, am Rande des Nervenzusammenbruchs, neben ihr ihr Sohn, etwa im gleichen Alter wie der Junge unter unseren Händen. Die ganze Zeit dachte ich, irgendwo sitzt jetzt eine Familie, vielleicht gucken sie gerade fern, und sie warten auf ihren Sohn. Sie wissen noch nichts von dem, was da gerade passiert ist, aber in den nächsten Minuten werden sie es erfahren, und ihr Leben wird nie mehr so sein, wie es vorher war. Ich war froh, dass nicht ich diesen Anruf tätigen musste.

Ok, ich will Euch jetzt nicht weiter deprimieren, aber die von Euch, die selbst im Rettungsdienst oder in einer Notaufnahme arbeiten, die kennen das ja, und die wissen auch, dass das einen jedes Mal mitnimmt.  Dass man irgendwo in seinem Kopf so eine Galerie mit herumträgt, mit Bildern von denen, die es nicht geschafft haben. Manchmal frage ich mich, warum ich mir das eigentlich antue.

Interessant war, dass natürlich sofort die Presse zur Stelle war. Ich habe mir die Berichterstattung zu dem Eregnis jetzt mal durchgelesen und bin doch erstaunt, wie es da mit Dichtung und Wahrheit zu geht. Wenige der Fakten waren so richtig akkurat, vom Alter des Opfers bis zum vermuteten Unfallhergang. Ich frage mich, wer die des Nachts auf der Landstraße informiert.