März 5

Die späte Hilfe

Manchmal ist es für alles zu spät, auch für eine gute palliativmedizinische Betreuung.

Ich weiß nicht mehr, wer uns angerufen hat um Herrn Schuster zu sehen. Irgendwann standen Superschwester und ich vor seiner Tür. Er war jung, gerade 50 Jahre alt. Er hatte Darmkrebs. Seine Freundin war noch wesentlich jünger als er. Sie öffnete die Tür und weinte unablässig. Her Schuster hatte eine schicke Wohnung, was ihm in diesem Moment wahrscheinlich relativ egal war. Er lag auf einem Wasserbett in einem recht engen Schlafzimmer. Auf einen Blick schon war zu sehen, dass es ihm verdammt schlecht ging. Er hatte Schmerzen, ihm war übel, er kam nicht mehr hoch. Mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, zeterte und wetterte er gegen alles und jeden.

Superschwester und ich sahen uns an und verstanden uns wortlos. Sie holte ein paar Medikamente aus ihrer Tasche und zog diese auf. Ich nahm die Freundin von Herrn Schuster zur Seite. Es stellte sich heraus, dass Herr Schuster sich vor ein paar Tagen aus der Klinik entlassen hatte und mit dem Auto nach Wien gefahren war, wo seine Freundin eigentlich lebte. Er hatte sie abgeholt um ein paar Tage mit ihm in seiner Wohnung zu verbringen. Sie wusste, dass er Krebs hatte, aber sie wusste nicht, wie schlimm es um ihn stand. Er hatte ihr gegenüber noch von einer Therapie in Hamburg gesprochen, der er sich unterziehen wollte. Danach werde alles gut sein, habe er gesagt. Aber seit dem Vortag habe er solche Schmerzen und könne nicht mehr aufstehen. Er wollte nicht, dass sie irgendwen holte und er wollte eigentlich auch nicht in die Klinik, aber so sei das ja auch kein Zustand mehr.

Mir tat die ganze Sache wahnsinnig leid. Die Situation war einfach schon zu weit eskaliert, als dass man den Patienten zu Hause versterben lassen konnte. Die Freundin würde durchdrehen, sie würde es nicht stemmen können. Nach etwas Morphin und was gegen die Übelkeit war Herr Schuster wieder etwas zugänglicher. Schmerzen bringen oft das Schlimmste in den Menschen hervor, ich habe mir mittlerweile abgewöhnt, das persönlich zu nehmen. Herr Schuster wollte nun einfach nur seine Ruhe. Superschwester sah mich prüfend von der Seite an. „Du musst ihn auf die Palliativstation bringen. Das geht hier nicht.“, raunte sie mir zu. Ich war ganz ihrer Meinung. Ich nahm mein Telefon in die Hand und ließ meine Verbindungen spielen. Akutaufnahmen auf die Palliativstation sind in der Regel schwierig zu bewerkstelligen. Einen sofortigen Transport zu bekommen ist noch schwieriger. Beides gelang irgendwie.

Zwei Stunden nach der Aufnahme ins Krankenhaus war Herr Schuster tot.


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Verfasst März 5, 2016 von kinomaniac in category "Palliativmedizin

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