April 23

Von der anderen Seite aus

Vielen Dank für Eure lieben Kommentare via Blog und Twitter und dass Ihr Euch so konsequent an meine Bitte, jetzt nicht auf die Mitleidstour zu kommen gehalten habt!

Ich möchte das vorherige Thema noch von einer anderen Seite beleuchten. Als ich das letzte Mal meinen Kardiologen mit meinem baldigen Ende vollheulte, sagte er zu mir: „Sie lassen sich sehr von einem wirklich tragischen Einzelfall leiten. Wenn Sie jemanden im Bekanntenkreis hätten, der an einer akuten Herzinsuffizienz verstirbt, dann würden sie mich vielleicht fragen, ob man da nicht schon früher was machen kann.“

Da hielt ich inne und dachte nach. Dabei fiel mir auf, dass ich ja berufsbedingt immer mal wieder mit solchen Fällen konfrontiert bin, sie aber nie unter diesem Aspekt angesehen hatte. Just in dem Moment unseres Gespräches war ich sogar in einen solchen ebenfalls sehr tragischen Fall involviert.

Frau Klein, 61 Jahre alt, hatte ziemlich viel Pech im Leben, zumindest, was ihre Gesundheit anging. Aufgrund diverser Tumor-Erkrankungen wurden sie in den vergangenen 30 Jahren mehrfach im Brustbereich bestrahlt. Das Ende vom Lied war eine ausgedehnte Herzinsuffizienz mit mittelgradiger Aorten- und Mitralinsuffizienz und hochgradiger Trikuspidalinsuffizienz bei fixiert offenstehender Trikuspidalklappe. Sie war immer wieder im Lungenödem und hatte auch alles andere, was diese schwere Herzinsuffizienz so mit sich bringt (hepatorenales Syndrom etc.). Sie wurde nun als völlig austherapiert aus der Klinik entlassen. Solche Patienten nehmen wir eigentlich nur ungern in die Versorgung auf, da sie oft noch zu sehr auf Heilung fixiert sind und bei der nächsten Komplikation, auch wenn es anders besprochen war, wieder in der Klinik landen (was völlig ok ist, aber dann natürlich einfach nichts für uns). Frau Klein hatte Wasser ohne Ende an Bord, konnte sich kaum noch rühren und bekam nur wenig Luft. Schon bei meinem ersten Besuch war mir klar, dass der Tod schon an die Tür klopfte. Die Patientin verlangte mir sehr viel ab, weil sie so kämpfte und nicht gehen wollte und ich das nur sehr schwer zu ertragen fand. Einmal sagte sie zu mir, vielleicht hätte sie sich doch noch am Herzen operieren lassen sollen, auch wenn man ihr gesagt hatte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie je von der Narkose wieder erwachte, bei 10-20% lagen (was mir angesichts des wirklich schlechten Zustands dieser Frau noch sehr optimistisch vorkam). Sie überhaupt halbwegs gut einzustellen war schon sehr schwierig und als sie – endlich -verstarb, war ich echt erleichtert.

Vielleicht sollte ich lieber an solche Fälle denken, wenn ich mich mal wieder in Selbstmitleid suhle.


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Verfasst April 23, 2016 von kinomaniac in category "Palliativmedizin

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